Ich habe keine Fragen, nur Antworten
In Raphaela Vogels (1988, Nürnberg) Werk werden selbst erfahrene Geschichten (z.B. Briefe von Ex-Freunden), kulturelle Obsessionen (Gesamtkünstler wie Adriano Celentano oder Rudy „Question Mark“ Martinez, Pferde, Heraldik, Gartenarchitektur), historisches Material (Architektur des neuen Bauens, das Sich Verstecken in der Nazi-Zeit), ungewöhnliche Medien und Mediennutzung zu in sich geschlossenen Installationen aus sehr unterschiedlichen, gegensätzlichen Mitteln. Doch jeder Bestandteil, auch Beamer, Speaker und Screens werden immer auch skulptural behandelt – umgekehrt tritt keine Skulptur ohne Filme und/oder Malereien auf. Mit dem Titel dieser Ausstellung stellt Vogel nun eine in Kunst und Kultur weit verbreitete Haltung in Frage, wonach es sensibler, angemessener und verantwortungsvoller sei, nicht auf Antworten zu bestehen, sondern sich als glücklich offener Geist zu präsentieren, der nur Fragen hat. Stattdessen argumentiert sie, dass gerade die Hinwendung zu Forschung und Reflexivität in der Kunst der letzten Jahrzehnte auch Ergebnisse hervorbringt, bessere Ergebnisse - nicht in einem autoritären oder strikt normativen Sinne, sondern als Kunst mit all der darin implizierten Offenheit.
„Ich habe keine Fragen, nur Antworten“ begann mit der Auseinandersetzung mit dem architektonischen Raum eines Museums in Mexico City („Museo Tamayo“), nutzt die Arbeitsbedingungen in einer Gießerei im Umland der riesigen Stadt und führt zu einer Werkgruppe, in der die Künstlerin während des gesamten Produktionsprozesses verschiedene Rollen und Funktionen übernimmt – ganz so wie manche ihrer Vorbilder aus dem Kino, etwa Louis de Funés oder Jerry Lewis. Vogel stellt sich nicht nur selbst in den Mittelpunkt ihrer Videos und Performances, sondern übernimmt auch die Rollen der Produzentin, der Kamerafrau, der Cutterin, der Komponistin, der Sängerin, der Ton- und Lichttechnikerin, sowie verschiedene Musikinstrumente, und verdeutlicht damit Unübersichtliches wie Ungleiches, die Absurdität von Machtstrukturen und Arbeitsteilung, verteidigt aber auch einen Begriff von Skill und Kunstfertigkeit, der nur anders gebaut und an aktuellen Anforderungen an künstlerische Praxis angemessen ist.
Das paradoxe rhetorische Manöver, „Antworten“ zu geben und gleichzeitig die Fragen auszulassen, spiegelt das Interesse der Künstlerin am antik griechischen Konzept der Hybris: dem ungezügelten Ehrgeiz, der eine Person dazu antreibt, die etablierten Grenzen, seien sie göttlicher, sozialer oder moralischer Natur, herauszufordern oder zu überschreiten - und dessen Beziehung zu den Prozessen der Selbstmythifizierung in der Kunst. Für Vogel wirft dieses Konzept auch ethische und ästhetische Fragen auf, die in die künstlerische Produktion eingebettet sind. Wer oder was legitimiert die künstlerische Arbeit? Woher kommt die Macht oder Autorität, Kunst zu produzieren? Wie sollte sich ein Künstler zu den Materialien oder Konsumgütern verhalten, die für Strukturen, Werkzeuge, Produktions- und Transportsysteme benötigt werden? Diese Fragen führen Vogel dazu, die Methoden und den Stil auszustellen und ad absurdum zu führen, mit denen Künstler sich ihr Recht auf Selbstdarstellung nehmen, nicht ohne sich selbst ein solches zu nehmen.
Für die Ausstellung in RPLH wurden die in Mexiko entstandenen und auf den Sänger Rudy Martinez bezogenen Arbeiten erweitert und mit anderen zusammengeführt. Ein bronzenes Fragezeichen, das im Zentrum der Installation aufgehängt ist, erlaubt sich, zugleich überdeutlich in seiner Semantik aber fragil und vulnerabel in seiner Gestalt, die Fragen und Spannungen anzukündigen, die Vogels für diese Ausstellung zusammengestellt hat. Die darum herum tanzenden Dinosaurier verstärken die Komik dieser Spannungen: Skulptural-choreographischer Eleganz trifft auf das Imaginarium des Kinderzimmers. Der Soundtrack der vom Fragezeichen aus hörbaren Klanginstallation schlägt einen Bogen von der Geschichte der mexikanisch/US-amerikanischen Band ? the Mysterians, die in den späten 1960ern in Detroit erfolgreich wurde und deren Väter alle in der Autoindustrie beschäftigt waren, zu dem Zusammenhang repetitiver Strukturen in Pop-Musik, Industrie (Fordismus) und Verkehr, dem Ein- und Ausatmen von Fabriken und Mundharmonikaspielern. Sie wird begleitet von sieben Gemälde auf Leder, die an Metallstrukturen aufgehängt sind. Vogel verwendet Leder als Bildträger, um die handelsüblichen Ideen der Malerei von Materialität, Körperlichkeit, Animalität, Identität und Erinnerung für sich neu zu justieren. Als symbolisch aufgeladenes, organisches Material evoziert Leder sowohl den Komplex des Industriellen als auch die Domestizierung und betont gleichzeitig die - oft nicht wahrnehmbaren - Verbindungen zwischen den Systemen der künstlerischen Produktion und der natürlichen Welt: Auch Rudy Martínez ist ein Bild gewidmet, sowie diversen Hochgeschwindigkeitszügen („Bullet Trains“), der Idee des Volltreffers in der Malerei und im Schiffbau sowie die ambivalente Vorstellung, ein Ziel zu treffen. All die „Schüsse“, um die es dabei geht, sind gewissermaßen die technischen Nachfolger der in der Klanginstallation hörbaren Dampflokomotiven.
Industrie- und Maschinengeschichte bestimmen auch das Gegenüber des Filmes „I Smell a Massacre“ (2016) und der skulpturalen Installation „Rastrillo cosechador“ (2025) (dt. „Ernterechen“). Indem sie den Schaft eines Ernterechens mit einer Reihe von skulpturalen Formen, die an Tierkadaver erinnern - eigentlich die verfremdete Form eines Heizkörpers -, adaptiert und zusammensetzt, konfrontiert Vogel erneut Elemente einer maschinellen, repetitiven Formensprache mit einerseits häuslichen Objekte und andererseits der natürlichen Welt, hier aber gegenüber einem dramatisch bis apokalyptisch wirkenden Film, der den Geruch von Massakern mit virtuosen Noise-Kompositionen einerseits, einem hilflos verzweifelt lustigen Welthit der Gypsy Kings andererseits. Ebenso abgründig wie auch lakonisch und heiter.
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